ARAMEA Quarterly „Q“ 03-2026 „Künstliche Intelligenz sticht Geopolitik“
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
bin ich naiv, wenn ich den Tag herbeisehne, an dem Trump nicht mehr Präsident ist? Bin ich naiv, wenn ich hoffe, dass dieser Wahnsinn im Weißen Haus dann ein Ende hat? Bin ich naiv, wenn ich glaube, dass es für die US-Politik einen Weg zurück zur Vernunft gibt? Fest steht: Die vergangenen drei Monate waren erneut eine nervliche Herausforderung für all jene, die sich nicht an das absurde Gebaren des US-Präsidenten gewöhnen können – oder wollen.
Der Konflikt zwischen den USA und Iran hat letztlich vor allem eine Verschlechterung der Lage herbeigeführt. Im Vergleich zur Situation vor dem Angriff der USA sind das Regime in Iran gefestigter, die Straße von Hormus unsicherer, der Ölpreis, die Inflation und die US-Schulden höher sowie die Zustimmungswerte Trumps schlechter. Aus Sicht Trumps dennoch ein fantastischer Erfolg. Tremendous!
Zum Glück leben wir nicht nur in einer Welt mit einer wachsenden Zahl an geopolitischen Krisen, sondern auch in einer Welt dramatischer technischer Fortschritte. Dank des enormen KI-Hypes sind die Kursverluste in Folge des Iran-Krieges schon längst Schnee von gestern. Der S&P 500 klettert nach einem kurzen Rücksetzer im März nicht nur von Allzeithoch zu Allzeithoch, er liegt seit Anfang des zweiten Quartals satte 15% im Plus – und das, obwohl die Mag7 seit Jahresanfang verloren haben.
Weder der Iran-Krieg noch die vielen Warnungen vor einer Blase oder gar der SpaceX-Börsengang konnten den Markt von seiner Rekordjagd abbringen. Um es kurz zu machen: Ich erwarte, dass die Rekordreise weitergeht. Wir stehen erst am Anfang einer Revolution, die enorme Wohlfahrtsgewinne generieren wird. Sorgen macht mir bei dem Trend jedoch, dass diese Zuwächse wohl – zumindest in den ersten Phasen – auf einige wenige und wohl vor allem nicht auf europäische Unternehmen entfallen werden. Dass die USA kürzlich sogar per Dekret den Zugang zu bestimmten KI-Modellen für ausländische Nutzer beschränkt haben, zeigt wie wir den Anschluss im KI-Rennen bereits verloren haben. Es zeichnet sich ab, dass Europa von einer Abhängigkeit in die nächste stolpert.
Perspektivisch ist dank der KI mit hohen Produktivitätszuwächsen zu rechnen. Diese werden es – so die Erwartung – Unternehmen erlauben, mit weniger Ressourcen zu produzieren. Aus Marktsicht bewerte ich positiv, dass deutliche Produktivitätszuwächse sowie hohes KI-bedingtes Gewinnwachstum auf breiter volkswirtschaftlicher Front kein Muss für weitere Kursgewinne sind – zumindest, wenn wir auf die nächsten ein, zwei Jahre schauen. In dieser Phase dürfte es aus Marktsicht sehr wahrscheinlich „ausreichen“, wenn der Megatrend durch hohe Investitionen in KI-Infrastruktur weiter befeuert wird und hier und da Hinweise auf Produktivitätsfortschritte zu beobachten sind.
Viel Spaß bei der Lektüre wünscht ihnen Ihr
Felix Herrmann, CFA
Chefvolkswirt Aramea Asset Management AG

